Görlitz´Jüdisches Erbe

Das Projekt bettet sich ein in das Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen und baut darauf auf, was sich entfaltet sah durch Ausstellungen, Vorträge und ein hochkarätiges Bühnenprogramm  – eine Strahlkraft und Öffentlichkeit erzeugend, weit über die Stadtgrenzen hinaus. Ein besonderer Höhepunkt im Juni 2026 war der feierliche Empfang von mehr als 140 Nachfahren jüdischer Familien aus Görlitz, die aus aller Welt angereist waren. Begleitet von einer breiten und interessierten Öffentlichkeit setzten Stolpersteinverlegungen, ein Synagogenfest und eine Jüdische Gedenkwoche tiefgreifende Zeichen lebendiger Erinnerung.

Dass Görlitz heute als ein so bedeutender, authentischer Lernort wahrgenommen wird, verdankt die Stadt dem Umstand, dass zentrale historische Stätten die Zerstörungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges überstanden haben. Neben dem imposanten Bau der Neuen Synagoge (heute Kulturforum) sind auch die Alte Synagoge sowie der Jüdische Friedhof inklusive seiner Trauerhalle erhalten geblieben. Im Stadtbild verankerte Straßennamen – wie jene im Gedenken an Dr. Erich Oppenheimer (1868–1947) und Paul Mühsam (1876–1960) – sowie mehr als 130 verlegte Stolpersteine halten das Bewusstsein für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung während der NS-Diktatur (1933–1945) im Alltag wach. Die Geschichte kennt darüber hinaus noch andere Persönlichkeiten mit jüdischer Herkunft

Görlitzer jüdische Persönlickeiten

Sie sind Persönlichkeiten ihrer Zeit, MusikerInnen, MalerInnen, exponierte Vertreter ihrer Klasse, Wegbereiter bedeutender Strömungen der Kunst, Literatur, Design oder auch mit dem Medium Film bestens vertraut, die sich in der Liste der Görlitzer Persönlichkeiten ausmachen lassen. Es sind Menschen, jüdischer Abstammung, die in verschiedenen Jahrhunderten und Epochen das geistige Leben der Stadt Görlitz bereichert haben. Menschen die mit der Stadt Görlitz verbunden sind – auf die ein oder andere Weise.

Hildegard Burjan wurde am 30. Jänner 1883 in Görlitz an der Neisse, als zweite Tochter der jüdisch-liberalen Familie Freund geboren. Am 4. Oktober 1919 gründete Hildegard Burjan die Caritas Socialis als Gemeinschaft von Frauen in der Kirche. Hildegard Burjan (1883 – 1933) war verheiratet, Mutter, Akademikerin mit wachem Blick für gesellschaftliche Entwicklungen. Tatkräftig, innovativ und mutig beschritt sie neue Wege der Hilfe – als Sozialpionierin, als Gründerin der Caritas Socialis, als eine der ersten acht Frauen, die vor 100 Jahren als Abgeordnete ins Österreichische Parlament einzogen. Hildegard Burjan war die erste und damals einzige christlich-soziale weibliche Abgeordnete im Wiener Gemeinderat und im österreichischen Parlament. Genannt „das Gewissen des Parlaments“ gelang ihr die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg. Als Jüdin ließ sie sich nach schwerer Erkrankung taufen und setzte sich gemeinsam mit ihren Weggefährtinnen für die Rechte von Frauen, für die Würde des Menschen, für Verbesserung von Strukturen und die Überwindung von Kluften in der Gesellschaft ein. Am 29. Januar 2012 wurde Hildegard Burjan in Wien seliggesprochen.

Paul Cassirer *1871 in Görlitz † 1926 in Berlin. Kunsthändler, Schriftsteller, Verleger, Galerist, Kunstförderer und Kunstmäzen jüdischer Herkunft
Cassirer erblickte das Licht der Welt am 21. Februar 1871 in Görlitz. Er studierte Kunstgeschichte in München und wurde anschließend Mitarbeiter des „Simplicissimus“, einer satirischen Wochenzeitschrift. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin gründete er mit seinem Cousin Bruno am 20. September 1898 die „Bruno & Paul Cassirer Kunst- und Verlagsanstalt“. Zusammen lernten sie die Künstler Max Liebermann und Max Slevogt kennen, die ihnen viele kulturell bedeutende Persönlichkeiten Berlins vorstellten. In den folgenden drei Jahren stellten sich die Verleger zum Ziel, die Kunstströmung des Impressionismus zu fördern. Nach einem Zerwürfnis mit Bruno führte Paul Cassirer den Kunsthandel ab 1901 allein weiter. Sein Handbuch „Das Erlernen der Malerei“ wurde ein Erfolg. Der Berliner Paul Cassirer Verlag existierte von 1908 bis 1933.

Jonas Cohn * 1869 in Görlitz † 1947 in Birmingham, [Deutschland] Philosoph und Pädagoge. Jonas Cohn Lebenswerk zentriert sich um die wertwissenschaftliche Begründung von Philosophie. Cohn bedient sich einer an Kant angelehnten Erkenntnismethode, in der der Gegensatz zwischen den Formen des Erkennens (Denkform) und dem zur Erkenntnis aufgegebenen Gegenstand (Denkfremdes) im Erkenntnisprozess dialektisch mit einander verbunden wird. Das Jonas Cohn-Archiv an der Universität Duisburg-Essen verwahrt den gesamten wissenschaftlichen und große Teile des privaten Nachlasses des 1947 in der Emigration gestorbenen Philosophen und Pädagogen der Freiburger Schule.

Luwig Kunz * 1900 in Görlitz † 1976 Amsterdam [Deutschland] Herausgeber und Schriftsteller
Ein Gemisch aus wilhel­minischem Mief und dem Odeur stockfleckiger Aufklärung, das die geistige Luft der neuen Republik, die sich immer noch „Reich“ nennt, durchdringt – und doch er­blicken Anfang Januar 1923 in Görlitz die Lebenden, lite­rarische Flug­blätter, die aus­gegrenz­ten, aber enga­gierten Autoren ein Podium bieten, das Licht der Welt. Der Heraus­geber ist Ludwig Kunz. Unter den Beitragenden befanden sich einige bekannte jüdische und nichtjüdische Schriftsteller wie Alfred Döblin, Carl Hauptmann, Hermann Hesse, Thomas Mann, Erich-Maria Remarque und Stefan Zweig. Ludwig Kunz flieht vor der Verfolgung 1938 nach Holland. Er stirbt 1976 in Amsterdam.

Mira Lobe geb. Hildegard Mirjam Rosenthal wurde 1913 in Görlitz in Schlesien geboren. Dass sie Talent zum Schreiben hatte, zeigte sich schon an ihren Schulaufsätzen. Sie wollte studieren und Journalistin werden, was ihr als Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland verwehrt wurde. Daher lernte sie Maschinenstrickerin an der Berliner Modeschule. 1936 flüchtete sie nach Palästina. Dort heiratete sie den Schauspieler Friedrich Lobe, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ab 1950 lebte sie in Wien, wo sie am 6.2.1995 starb. Mira Lobe hat fast 100 Kinder- und Jugendbücher geschrieben, für viele von ihnen hat sie Preise und Auszeichnungen erhalten.

Oskar Morgenstern *1902 in Görlitz † 1977 in Princeton, N.J./USA
Oskar Morgenstern war gemeinsam mit John von Neumann der Begründer der Spieltheorie. Die Möglichkeiten der Mathematik und der mathematischen Logik für die Wirtschaftstheorie beschäftigten Morgenstern zeitlebens. Mit einem Platz der den Namen Oskar Morgenstern trägt, schließt die Universität Wien an die große Zeit der Wiener Wissenschaft an. 1902 in Görlitz geboren, wächst Morgenstern in Wien auf. 1938 mußte er emigrieren; in den USA lehrte er in Princeton und an der New York University. Am 26. Juli 1977 stirbt der in Görlitz geborene Oskar Morgenstern in Princeton.

Paul Mühsam *1876 in Brandenburg / Havel † 1960 in Jerusalem [Deutschland], Jurist, Übersetzer und Schriftsteller

Er ist der Cousin des Schriftstellers Erich Mühsam, geboren in Brandenburg an der Havel, wächst Paul Mühsam in Chemnitz und Zittau auf. Der heute weitgehend unbekannte Dichter Paul Mühsam ließ sich 1905 mit einer Anwaltspraxis in Görlitz nieder. Paul Mühsam arbeitete während des Ersten Weltkrieges in Berlin beim Roten Kreuz. Danach kehrte er Ende 1918 nach Görlitz zurück und begann Bücher über die Zustände der Bevölkerung zu schreiben. Er schrieb bis an sein Lebensende auf deutsch. Schriftsteller wie Stefan Zweig oder Shalom Ben-Chorin schätzten sein Werk außerordentlich hoch ein, nicht zuletzt, weil er zentrale Fragestellungen zur jüdisch-christlichen Verständigung formulierte.

Lernorte Jüdischer Geschichte

Neue Synagoge

Am Rande des Stadtparks auf der Otto-Müller-Strasse erbaute sich die jüdische Gemeinde 1909-1911 in eindrucksvollen Jugendstilformen ihr Gotteshaus, die Görlitzer Synagoge. Die im Jahre 1911 eingeweihte Synagoge ist eine der wenigen, die die Pogromnacht 1938 fast unzerstört überstanden hat und bis heute erhalten ist.
Nach Plänen der bekannten Dresdner Architekten Lossow & Kühne entstanden, dient die Synagoge nach dem Ende der langjährigen Sanierung für Veranstaltungen die die Geschichte und ehemalige Bestimmung des Gebäudes respektieren und in Beziehung stehen zu dem Zweck, für den die Synagoge einst gebaut wurde.

Jüdischer Friedhof

Der Jüdische Friedhof in der Görlitz Süd-Stadt hat die NS Zeit überdauert, er ist heute ein beeindruckendes Denkmal und Ort der Erinnerungen. Viele herausragende Persönlichkeiten der Stadtgeschichte und noch dazu Pioniere der Gründerzeit sind hier begraben. Nicht zu vergessen die Schicksale der von den Nazis Verfolgten und Ermordeten.

Der Görlitzer Friedhof unterscheidet sich von anderen jüdischen Friedhöfen im heutigen Sachsen durch seine imposanten Grabmale, die fast an Grufthäuser erinnern. Aus der Gründungszeit des Friedhofes sind keine Grabsteine mehr erhalten. Dafür ist die 1860er Umgestaltung zu einem großzügig angelegten Parkfriedhof gut erkennbar.

Alte Synagoge

Mit einem Festgottesdienst und der bisher größten Gemeindefeier wurde die Synagoge auf der Langenstraße am 23.1.1870 festlich eingeweiht.

Bis zur Fertigstellung der Neuen Synagoge in der Otto-Müller-Straße im Jahre 1911 war das Gotteshaus an der Langenstraße Zentrum jüdischen Gemeindelebens in Görlitz. Das nach der Sanierung wieder erstrahlende historische Gebäude ist heute Dank dem Engagement der Eigentümer ein Ort der Begegnung für alle Kultur- und Literaturinteressierten.

Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften (OLB) sieht in den Beständen den Nachlass des Görlitzer Autors und Publizisten Ludwig Kunz
Der 1900 in Görlitz geborene Ludwig Kunz entstammte einer jüdischen Fabrikantenfamilie. Er war für die Literatur- und Kunstszene von Görlitz
in den 1920er-Jahren eine prägende Persönlichkeit.
Zum Nachlass gehören eine mehr als 1.100 Bände zählende Bibliothek,
mehrere Bildbände, Ausstellungskataloge und bibliophile Zeitschriften. Dazu kommen persönliche Unterlagen und Erinnerungsstücke.
Bild: Johannes Wüsten, Kupferstich von Ludiwg Kunz. Bestand der Görlitzer Sammlungen


Erkunde die Geschichte hinter den Stolpersteinen, an dem Ort, an dem sie geschrieben wurde
Seit Februar 2016 ist es möglich, alle Biografien zu den Stolpersteinen direkt im Browser abzurufen. So kann sich jeder, auch ohne App oder Smartphone über die Stolpersteine vor Ort informieren. Die Stolpersteine werden auf einer große Karte bereitgestellt, nach einem Mausklick auf einen Stein werden die jeweiligen Texte und Bilder angezeigt. www.stolpersteine-guide.de
Mehr als 130 Stolpersteine finden sich in Görlitz und Zgorzelec. 2007 begonnen, fanden 55 weitere im Juni im Rahmen der Jüdischen Gedenkwoche Verlegung

Stolpersteine Tour Görlitz-Zgorzelec | Dauer ca. 1,5 Stunden.
Kosten 10,00 EUR, erm. 7,50 EUR. Sprachen: Deutsch / English

Eine Führung entlang der in Görlitz verlegten Stolpersteine Verlegeorte von Stolpersteinen in der Innenstadt führt auf eine Spurensuche der Schicksale der Görlitzer Jüdinnen und Juden. Während der Führung werden exemplarisch Lebensgeschichten am authentischen Ort vorgestellt. Die Führung entlang der in Görlitz verlegten Stolpersteine beginnt auf der Jakobstrasse 5a, von dort führt der Weg über Verlegeorte von Stolpersteinen in der Innenstadt wo an das Schicksal der Görlitzer Jüdinnen und Juden in den Jahren 1933-1945 erinnert wird und die Teilnehmer mehr erfahren zur Geschichte der jüdischen Familien die heute Nachfahren sehen in aller Welt.
Die Einnahmen/Spenden aus der Führung werden für den Erhalt des jüdischen Erbes und Bewahrung der Erinnerungen und Verlust der jüdischen Mitbürger verwendet. Anmeldungen richten Sie bitte an das Kulturbüro Görlitz

Gedenkplaetze.info ist ein Dokumentations- und Erinnerungsprojekt an die Zeit des Nationalsozialismus. Ziel des Projektes ist die Vermittlung lokaler historische.gedenkplaetze.infor Hintergründe aus der Zeit des Nationalsozialismus. Im Rahmen des Projektes sammeln und kartografieren wir für Görlitz Erinnerungen daran. Die dabei entstehende digitale Geschichtskarte ist ein Mittel, um geschichtliche Hintergründe darzustellen und Wissen darüber zu vermitteln. Mit Görlitz verbunden, finden sich aktuell 11 Einträge. Weitere sollen folgen.

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes.


Aktuelles

Einladung zum XXL-Podium, 24. Juni 2026
Untermarkt, 20:00 Uhr

Stolpersteineverlegung / Jüdische Gedenkwoche 2026
Am Donnerstag und Freitag, 25./26. Juni
werden 54 weitere Stolpersteine verlegt
Link zum Programm

Wohnzimmerkonzert-Reihe, 26. Juni

Weinbergturm-Initiative lädt zum Aufstieg
27. Juni im Rahmen der Spielplatzeröffnung
auf dem Gelände der Parkeisenbahn

Büroraum zur Vermietung
Bürozimmer bzw. Büroetagen
Untermarkt 9, Görlitz
Vermietangebote Link

Europawochen 2026
Europawochen Görlitz-Zgorzelec im Rückblick

Das Malbuch Görlitz/Zgorzelec ist über die Geschäftsstelle zu beziehen
Kosten 3,00 EUR

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