Der Anfang des "Aktionskreis für Görlitz" 1989 – 1990erarbeitet von Dr. Zenker
Der "Aktionskreis zur Rettung der Stadt Görlitz", gegründet in der Wendezeit aus dem Neuen Forum heraus, hatte seine Geburtsstunde am 4. Dezember 1989. Görlitzer Bürger in verantwortungsvollen Positionen haben an diesem Tag ein Schreiben an den Ministerpräsidenten der DDR Dr. Hans Modrow unterzeichnet, in dem auf Verfall und Verkommen der Stadt durch Nichtbeherrschen der Kommunalpolitik, Unfähigkeit des Rates der Stadt und falsche Bau-, Subventions- u. Handwerkerpolitik Bezug genommen wurde. Es wurde die Forderung erhoben eine Weisung an den Minister für Bauwesen und den Minister für Tourismus zu erlassen, damit beide zu einer sachdienlichen Diskussion nach Görlitz kommen.
Unterschrieben in alphabetischer Reihenfolge haben:Peter C. Birkner, Generalvikar des Apostolischen Administrators von Görlitz
Rainer Dähnert, Betriebsdirektor VEB BKK Oberlausitz
Reinhard Franzke, Betriebsdirektor VEB Kraftwerke "Völkerfreundschaft"
Axel Gebauer, Direktor Tierpark Görlitz
Wolfgang Gerlach, Pfarrer an der Pro-Kathedrale St. Jakobus
Günter Hain, Maler und Grafiker
Bernhard Huhn, Bischof der Apostolischen Administratur Görlitz
Dr. Georg Klammt, Ehrenbürger der Stadt, Zahnarzt
Alfred Kogel, Leiter Görlitz-Information
Prof. Dr. Ernst-Heinz Lemper
Peter Lobers, Superintendent
Adolph Mesewinkel, Ensemble-Leiter Kinder- und Jugendensemble
Rolf Petermann, Bäckermeister, stellv. Obermeister
Günter Richter, Architekt, Vors. Bund der Architekten der DDR Görlitz
Prof. Dr. Dr. Joachim Rogge, Bischof
Joachim Schröder, Direktor der Joh. Wüsten Oberschule
Stiesch, Obermeister des Fleischer-Handwerks
Helmut Wirth, Architekt, WBK
OMR Dr. Zenker, Chefarzt I. Med. Klinik u. Poliklinik, BKH
(alle Angaben geschrieben wie im Original-Dokument)In diesem Brief heißt es „ ……Aus diesen Gründen hat sich ein "Aktionskreis zur Rettung der Stadt Görlitz" gebildet. .……“ Dieser Aktionskreis verstand sich überparteilich, als Anlaufpunkt für Bürger, Betriebe, Kirchen, Parteien und Institutionen und als Impulsgeber in lokaler Verantwortung. Ziele waren: Geistige Wiederbelebung, Aufhalten des städtebaulichen Verfalls, Entwicklung neuer Strukturen in verschiedenen Ebenen.
Erste Überlegungen zu gemeinsamen Schritten erfolgten in Gesprächen zwischen Prof. Dr. Rogge und Dr. Zenker im Dienstzimmer der I. Med. Klinik im Herbst 1989, als es infolge der katastrophalen Hotelsituation klar war, dass der 11. Nephrologen-Kongreß der DDR in Görlitz nicht mehr durchzuführen war und auch eine Christliche Friedenskonferenz und ein Evangelischer Kirchentag nicht mehr möglich waren.In der Zeitung der CDU „Die Union“ wird in der Ausgabe 16./17. 12.1989 der Aufruf "Rettet die Stadt Görlitz" in die Öffentlichkeit getragen und der Aktionskreis wird vom amtierenden OB Eichberg im Januar 1990 aufgefordert an der ersten Busfahrt nach Wiesbaden teilzunehmen, um bei der Unterzeichnung der Städte-Partnerstadt anwesend zu sein. In diesem Monat hat sich ein amtierender Vorstand gebildet
Dr. Zenker, 1.Vorsitzender – Peter C.Birkner, 2.Vorsitzender – Frau Tschanter, Schatzmeister – Frau Oberbibliothekarin Klammt – Bischof Prof.Dr.Dr. Rogge – Dipl.phil. A. Kogel. Im erweiterten Vorstand arbeiten mit: Kirchenbaurat Swoboda – Dipl.phil. A. Mesewinkel - die Architekten Richter und Wirth – die Herren Franzke, Dähnert und Kreutziger. Zunächst wöchentlich, ab März 1990 zweiwöchig traf sich der Aktionskreis mittwochs am Abend im kleinen Sitzungssaal des Rathauses und diskutierte mit geladenen Gästen: Den Oberbürgermeistern Eichberg, später Lechner, Stadtverordneten, Betriebsleitern, PGH-Vorsitzenden, Denkmalpflegern, Journalisten, Angehörigen von Parteien, Investoren aus den alten Bundesländern und dem westlichen Ausland, Museumsdirektoren und vielen Görlitzern aus nah und fern. Herr Kogel hatte die Möglichkeit der Nutzung des Rathauses geschaffen bis wir dann im Herbst 1990 eine eigene Geschäftsstelle suchen mussten. Der anfangs regelmäßig anwesende Stadtrat für Inneres Werner hat sich bald wegen seiner Stasi-Belastung von selbst zurückgezogen und dies schriftlich (und höflich) begründet.Schwerpunkte der Diskussionen waren: Schönhof, Stadthalle, Denkmale und die im Verfall begriffenen Häuser und Hotels. Die Vorstellung Görlitz zur Konferenz- und Kongressstadt zu machen, nahm breiten Raum ein. Zur Synagoge und deren Verwendung wurde beraten und die Frage einer neuen jüdischen Gemeinde überlegt, wozu auch unser Altbischof Dr. Hanns-Joachim Wollstadt seine Gedanken schriftlich geäußert hat. Herr Georg-Phillip Ilg von der Forschungsgruppe Judaismus der FU Berlin trug zweimal seine Überlegungen zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit und zur deutsch-israelischen Gesellschaft vor und Verbindungen zu Frau Levi-Mühsam und Frau Kafka-Barron in USA konnten aufgebaut werden. Prof. Kiesow aus Wiesbaden gab wertvolle Hinweise für denkmalpflegerische Arbeiten und die Vorbereitungen zur Gründung eines Fortbildungszentrums für Handwerker und forcierte die Wiederbelebung der Rotarier. Schließlich vermittelte er das ZDF zur Aufnahme eines Görlitz-Films und der Bayrische Rundfunk hat ein Interview auch mit Aktionskreis-Mitgliedern gesendet. Wichtiger Punkt war die Neugründung unserer Gymnasien und der Erhalt des Kinder- und Jugendensembles, ebenso wie Pläne einer Partnerschaft von Schulen in Görlitz-Zgorzelec und Nahariya (Israel), was aber durch die Fassungslosigkeit des Stadtschulrates Herrn Deutschmann nicht weiter verfolgt werden konnte. Eine Zusammenarbeit mit der Sektion Kommunikationswissenschaften des Europäischen Bildungs- und Informationszentrums der FU Berlin (Prof. Zerrdick und Dr. Lange) begann und es erfolgte ein Brückenschlag nach Lauban, der vom dortigen Bürgermeister Skowronski gefördert wurde. Ein Bild von Görlitz, gemalt von Herrn Hain, wurde übergeben und beim Gegenbesuch ein Bild von Lauban entgegen genommen, das erst im Zimmer des OB hing, dann im Rathausflur untergebracht wurde. Die Zusammenarbeit der Krankenhäuser begann, während der dringende Wunsch nach Deutsch-Lehrern für Lauban nicht zu realisieren war. Nicht überall gab es mutige Mitstreiter, manche waren nicht nur vorsichtig, sondern ängstlich vor soviel Sturm. Die Umbenennung von Straßennamen wurde frühzeitig gefordert und entsprechende Vorschläge gemacht. Ein besonderes Projekt war die Überführung der Ingenieurschule zur Hochschule. Besprechungen über die notwendigen Schritte begannen im Konsistorium mit Prof. Rogge, Dr. Karbaum, Dr. Ullrich, Dr. Zenker. Die Literaturwissenschaftlerin Frau Dr. Curtius suchte die Verbindung zum Aktionskreis ebenso wie die Schriftstellerin Rotraut Schöne. Unsere Architekten ermöglichten die Mitarbeit im Deutschen Nationalkommitee Denkmalschutz in Fulda. Ein erstes Benefiz-Konzert in Zusammenarbeit mit dem Theater- und Musikverein wurde vorbereitet und fand im ausverkauften Stadttheater statt, in dessen Verlauf Prof. Kiesow zum Ehrenmitglied im Aktionskreis ernannt wurde. Die eingespielten Gelder und inzwischen eingegangene Spenden von Görlitzern und aus den alten Bundesländern machten es notwendig einen eingetragenen Verein zu gründen.
Das Gründungsprotokoll des "Aktionskreis zur Rettung der Stadt Görlitz" ist deshalb erst auf den 17.10.1990 datiert und wurde unterschrieben von: Dr. Zenker, P.C. Birkner, Kreutziger, Adolph Mesewinkel, Alfred Kogel, Swoboda, Günter Richter, Reinhard Franzke, Heiderose Tschanter.
Die Satzung vom 17.10.90 wurde erarbeitet von: Dr.Dr. Rogge, Dr. Zenker, Bernhard Huhn, Kreutziger, Adolph Mesewinkel, Johannes Swoboda, Peter C. Birkner, Günter Richter, Reinhard Franzke, Helmut Wirth, Rainer Klimmt, Heiderose Tschanter, Alfred Kogel.
Am 6.11.90 hatte der Aktionskreis 139 Mitglieder, davon 52 aus den alten Bundesländern. Der Kontostand belief sich auf 74 000 DM.
Mit der Wahl des ersten Vorstandes am 09.11.90 begann die systematische und geordnete Tätigkeit eines Vereins. Die Berufung eines Geschäftsführers wurde später erforderlich, da die Arbeit "nebenher" nicht mehr zu schaffen war. Das politische Engagement trat naturgemäß in den Hintergrund, da die demokratischen Strukturen nach der Wiedervereinigung gesichert waren. Die Nähe zur Bürgerschaft wurde vordergründig, die Prinzipien Forum-Tribunal-Impulsgeber sollten fortdauern. Der Aktionskreis verstand sich weiter als Partner, aber auch als Kritiker der Stadtverwaltung und blieb Ansprechpartner für die Görlitzer um Empfehlungen, Ansichten, Meinungen auszutauschen und Impulse zu setzen.
Gehandelt wurde auch nach dem Grundsatz: Wer verantwortet Nichtstun? Das bürgerschaftliche Aktivieren wurde intensiviert, der Aktionskreis wurde, nicht nur des Geldes wegen, zum führenden Verein im Nachwende - Görlitz.